LGBTQ+

Coming-Out 2020 - muss das sein?

Ist es heutzutage noch notwendig, sich zu outen? Fabio Porta erklärt, wieso man darauf verzichten sollte.

Die Regenbogenfahne gilt als Zeichen der Toleranz, Akzeptanz und Vielfalt.
von Fabio Porta
27.06.2020

Hast du manchmal Zweifel, ob du deinen Freund oder deine Freundin in der Öffentlichkeit küssen sollst oder gar darfst? Es ist völlig okay, unsicher zu sein. Aber musst du dich wirklich verstecken? Und wenn ja, vor wem?

Mit 17 habe ich angefangen, meinen Freunden und meiner Familie von meiner Homosexualität zu erzählen. Das war wahnsinnig schwierig und kostete mich viel Überwindung. Ich hätte auch abgelehnt werden können. Dann hätte ich mich nicht akzeptiert, weil andere mich nicht akzeptieren. Das wäre falsch gewesen, denn das intolerante Umfeld ist das Problem, nicht ich, nicht du.

Unnötiges Versteckspiel

Die Reaktionen waren aber positiv. Es war beruhigend zu sehen, dass nur ich derjenige war, der sich darüber Gedanken gemacht hat. Davor war es aber ein Versteckspiel. Ein Versteckspiel, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass ich anders bin. Anders, als die meisten. Anders, als ich es vielleicht akzeptieren würde.

Das war ganz schön anstrengend, glücklich war ich auch nicht. Ständig habe ich mich heimlich getroffen, eine Ausrede nach der anderen erfunden. Ich habe mir das Leben so schwer gemacht, selbst nach dem Outing.

Tu es einfach

Heute, also 15 Jahre später, denke ich anders darüber. Es ist eine andere Zeit. Heute würde ich mich nicht mehr outen, bei niemandem. Wieso? Ich möchte dir eine Gegenfrage stellen: Hat dir je ein Hetero-Sexueller gebeichtet, dass er hetero ist? Ich vermute, dass das noch nicht passiert ist. Als Hetero-Sexueller outet sich niemand. Wieso sollte ich mich also outen, weil ich auf Männer stehe?

Alleine dadurch würde ich ja bestätigen, anders zu sein und mich anders zu fühlen. Ich würde bestätigen, dass ich eine andere Spezies bin. Dabei bin ich gar nicht anders. Ich bin ein Mensch, wie jeder andere auch, ganz gleich wen ich liebe. Ich bin auch sehr dankbar, in einem Land zu leben, in dem das auch gelebt wird. Du solltest gar nicht mehr darüber nachdenken oder zweifeln müssen, ob du deine*n Freund*in auf der Straße küssen willst. Tu es einfach. Es geht darum, dass du dich wohlfühlst. Wenn du dich selbst so akzeptierst, wie du bist und wen du liebst, tun andere das auch. Ganz automatisch.

In einer repräsentativen Umfrage der ADS (Antidiskriminierungsstelle) aus dem Jahr 2017 stimmten rund 43,8 % dem Satz zu, Homosexuelle sollen aufhören, so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen.** Die Aussage wurde zwar etwas unglücklich formuliert, doch die Nachricht ist klar. Tue das, was du möchtest und mit wem du möchtest.

Es sollte nicht dein Problem sein

Leider gibt es weiterhin in Deutschland viele homophobe Angriffe auf Menschen, die sich öffentlich zeigen. Alleine bis September 2019 zählte Berlin 261 trans- und homophobe Angriffe, Beleidigungen und Bedrohungen, im Jahr 2018 waren es 184. Die Dunkelziffer ist vermutlich weitaus höher.* Und da ist ein Angriff schon einer zu viel. Sie werden angegriffen, weil sie "anders" sind. Weil immer noch zu vielen Menschen und Kindern vermittelt wird, es sei falsch oder außergewöhnlich, homosexuell zu sein, und das passiert meistens zu Hause in den eigenen vier Wänden.

Das ist dann aber nicht mein Problem. Oder dein Problem. Es wird zum Problem, wenn du dich versteckst. Es wird zum Problem, wenn du nach deren Weltanschauung lebst. Dann lebst du nach deren Vorstellungen und Werten. Dann bist du nicht glücklich. Auch die weiteren Ergebnisse der ADS-Umfrage ermutigen dazu, sich zu zeigen. Damit es irgendwann überall zur Normalität gehört, damit diese Übergriffe aufhören.

Du kannst nichts dafür, wenn deine Freunde oder Familie nicht wissen, dass ein*e Homosexuelle*r aus demselben Blut besteht, als ein*e Heterosexuelle*r. Dass Homosexuelle auch Gefühle haben, dass Homosexuelle auch lieben. Wie jeder andere auch. Wir leben in einer Zeit, in der man jederzeit Zugriff auf eine Menge Wissen hat. Es ist durchaus möglich, aufgeklärt zu leben und zu realisieren, dass es so ziemlich egal ist, welche Sexualität ein Mensch ausleben möchte.

Ich oute mich nicht mehr. Und du?

Hilfreiche links

www.dbna.de

www.siegessäule.de

www.blufm.de

https://www.br.de/mediathek/podcast/willkommen-im-club-der-lgbtiq-podcast-von-puls/832?subscribe

https://www.antidiskriminierungsstelle.de/

*Quelle: welt.de

**Quelle der Umfrage: ADS des Bundes

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