Missbrauch und Gewalt

Missbraucht - und jetzt? Meine Geschichte

Wie du aus meinen Erfahrungen lernen kannst, dich aufzurichten, wenn der Missbrauch dich niederdrückt.

Wie geht man mit Missbrauch um?
von Anette Hillar
14.06.2020

Bevor du den Beitrag liest: Dieser Artikel enthält sensible Inhalte, die bei dir womöglich etwas auslösen oder anstoßen könnten.

Das Thema ‘Missbrauch’ ist leider noch immer allgegenwärtig, auch wenn es nur selten die Öffentlichkeit erreicht. Früher hätte ich Hilfe und Unterstützung - oder auch nur Informationen gut gebrauchen können. Ich hoffe sehr, dass ich euch mit meinen Erfahrungen Mut machen kann, euch aufzurichten, auch wenn der Missbrauch euch niederdrückt.

Als ich sieben Jahre alt war begann der sexuelle Missbrauch. Die fehlende Liebe in meinem Elternhaus begünstigte die Situation, dass eine andere Form der “Liebe“ Einzug in mein Leben hielt. Tägliche Schläge von beiden Elternteilen, Armut, Stress in der Familie - da nahm ich die Nähe, die ich kriegen konnte.

Was passiert hier?

Jahrelang konnte ich nicht einordnen, was mit mir passierte. Diese Nähe tat weh, tat mir nicht gut, aber die Situation konnte ich auch nicht wirklich ändern. Ich wehrte mich anfangs, da meine kindliche Unschuld reflexartig auf Schmerzen und Druck mit Gegenwehr reagierte. Doch diese Verunsicherung, die durch das Geschehen kam und die “Routine” ließen mich bald verstummen. Und ich wusste nicht, ob diese “Spiele“ normal waren und ob ich eine “Spielverderberin“ wäre, wenn ich mich wehren würde. Ich wollte doch gemocht werden, wollte lieb sein. Es gab keine bewusste Entscheidung dafür, mich missbrauchen zu lassen - es passierte eben und ich ließ es über mich ergehen.

Geprägt durch sexuelle Handlungen, hatte ich schon früh sexuell aktive Freunde. Als ich in einer Situation mit meinem ersten Freund feststellte, dass er seinen Spaß mit mir hatte, während ich Computerspiele spielte - also in keiner Weise dabei war - stutzte ich und hinterfragte, woher meine Nicht-Reaktion kam. Ich war elf Jahre alt und wusste plötzlich, dass da etwas nicht stimmte! 

Scham gehört dem Täter! 

Sofort schoss mir Scham und Schuld in den Kopf! Mit wem sollte ich reden über das, was ich getan hatte? Ich hatte ja mitgemacht! Ich hatte mich ja nicht erfolgreich gewehrt, habe es niemandem gesagt, habe mich irgendwann “ergeben”. Doch da weiß ich mittlerweile mehr: Die Scham und die Schuld gehört nicht dem Opfer, sondern zu 100% dem Täter! Wenn mich ein Autofahrer auf dem Fußweg anfährt, hat auch da zweifelsfrei der Täter Schuld - und sollte sich schämen! Die Scham, die dem Opfer vermittelt wird, lässt die Opfer meistens verstummen. Kein Reden ist mehr möglich, nur verdecken und verstecken ist das Ziel. Doch das ist eine innere Lüge, die von außen vermittelt wurde. 

Hilfe wartet!

Für mich war damals keine Hilfe erreichbar, auch weil das Thema Missbrauch in der Gesellschaft absolut tabu war - und weil es wie ein Verrat meiner Familie gegenüber gewesen wäre. Ich hatte nun mal keine vertrauenswürdigen Menschen um mich herum, wohnte auch noch auf dem Dorf - und das Telefon war mit einem Schloss versperrt. Wen hätte ich auch anrufen können?!  

Doch mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten!

Im Internet findest du viele Beratungsstellen, auch in deiner Nähe: “Weißer Ring e.V.” z.B., “pro familia” oder auch die ”AWO” bieten in den meisten Städten Beratung an. Gib in die Suchmaschine “Beratungsstellen” und deine Stadt ein, dann findest du eine Vielzahl an Angeboten. Hast du vertrauenswürdige Menschen um dich herum? Familie, Freunde, Lehrer, Trainer, …? Frag, ob du dort reden kannst - und hab dabei im Kopf, dass du nichts Falsches getan hast!

Bei Beratungsstellen kannst du auch absolut anonym bleiben und wirst nicht dazu genötigt, die Polizei einzuschalten. Und falls du schon so weit bist, die Polizei informieren zu wollen, wirst du unterstützt und sogar begleitet. Alle Menschen dort wollen und werden dir helfen in deiner absoluten Ausnahmesituation! 

Sei mutig und kämpfe - lass dich nicht mehr zum Opfer machen!

Dir ist etwas angetan worden, das dein Selbstwertgefühl extrem niedergetreten hat! Doch du bist es WERT, dass du und deine Grenzen und deine Würde respektiert werden! Dafür lohnt es sich zu kämpfen! Der erste Schritt ist, sich Hilfe zu suchen - oder Hilfe anzunehmen, die dir angeboten wird. Alle weiteren Schritte kannst du dann schon mit Unterstützung gehen! Der Weg ist nicht leicht, das kann ich dir offen sagen. Aber wenn du ihn beginnst, kommst du voran und bleibst nicht im Geheimnissumpf stecken. Für viele Schritte im Leben habe ich ein Motto aus einem Film: “Du brauchst nur 20 Sekunden Mut!” Und die helfen dir vielleicht schon dabei, den ersten Schritt zu gehen und (vielleicht schon ohne Scham) ein Gespräch anzustoßen.

Zu schweigen, sich zurückzuziehen, andere weiter über meine Grenzen treten zu lassen machte mich immer wieder zum Opfer. Ich hatte lange nicht verstanden, dass meine Unterwerfung, an die ich mich gewöhnt hatte, mich davon abhielt, mich wieder aufzurichten und mit Stolz und Würde durchs Leben zu gehen. 

Aufrichten ist so wichtig - und steht auch dir zu! Dein WERT wurde dir nicht genommen, er war vom Täter nur nicht gern gesehen und hat sich versteckt! Aber bitte, lass dir dein Leben nicht nehmen!

Du bist es WERT!

Alles Gute, wir Überlebenden sind starke Kämpfer.

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