Unterstütze uns!

Krebsdiagnose bei Angehörigen - Wie Du damit umgehen kannst

Oft weiß niemand in der Familie genau, wie man mit dieser Erkrankung umgehen soll. Das gesamte nahe Umfeld scheint gelähmt zu sein - wie in einem Schockzustand. In diesem Blogbeitrag verrät Regina Lindner, wie Du damit umgehen kannst.

Regina Lindner

Es ist eine Diagnose, die nicht nur die Betroffenen innerlich erstarren lässt, sondern auch die Angehörigen - Krebs.

Freitag ist Leas Lieblingstag. Denn da darf sie nach der Schule zu ihrer Tante gehen und Zeit mit ihr verbringen. Ihre Tante hilft ihr dann bei schwierigen Hausaufgaben, spielt mit ihr oder ist gemeinsam mit ihr kreativ und bastelt Geschenke. Letzte Woche konnte Lea ihre Tante nicht besuchen, weil diese einen Arzttermin hatte. Worum es dabei genau ging, hatte sie aber nicht erfahren. Sie spürte nur, dass die Stimmung zu Hause bedrückter wurde und hatte das Gefühl, dass ihre Eltern ihr etwas verheimlichten. Letzte Nacht konnte sie deshalb auch gar nicht richtig schlafen und war heute in der Schule total unkonzentriert. Jetzt hat Lea gerade von ihren Eltern erfahren, dass ihre Tante vor wenigen Tagen die Diagnose “Brustkrebs” bekommen hat. Sie weiß überhaupt nicht, wie sie sich fühlen und wie sie mit dieser Information umgehen soll. Ihre Mutter musste bei dem Gespräch sehr weinen - soll Lea auch traurig sein? Ihr Vater schien eher teilnahmslos - soll sie so tun, als wäre nichts? Was Lea verspürt ist Angst um ihre Tante. Angst davor, dass sie vielleicht sterben könnte und Angst davor, dass ihre Mutter dann nicht aufhören kann zu weinen. Gleichzeitig fühlt sie aber auch eine unglaubliche Wut in sich. Wut auf den Krebs, der ihr anscheinend verhindern möchte, weitere schöne Freitage mit ihrer Tante zu haben. Denn die geht nun erstmal in eine Klinik, wo sie gemeinsam mit den ÄrztInnen gegen den Krebs kämpfen will.

Oft weiß niemand in der Familie genau, wie man mit dieser Erkrankung umgehen soll. Das gesamte nahe Umfeld scheint gelähmt zu sein - wie in einem Schockzustand. Die Veränderungen des Alltags durch die Diagnose, lassen die Unbeschwertheit des Lebens scheinbar verschwinden, denn oft wird der ganze Tagesablauf durcheinander gewirbelt. Die Erkrankung stellt für alle eine große psychische Herausforderung dar und oft macht sich eine allgemeine Hilflosigkeit breit. Das führt auch häufig dazu, dass sich Freunde und Bekannte von der Person abkapseln, die gegen den Krebs kämpft.

Was gibt es für Alternativen? Wie kann man in solch einer Situation unterstützen?

Wie kann man reagieren?

In der Medizin ist der Begriff für die Fachrichtung, die sich um Menschen mit einer Krebserkrankung kümmert “Psychoonkologie”. Diese hat einen Ansatz dafür entwickelt, wie man reagieren kann, wenn man von der Diagnose Krebs bei Angehörigen erfährt. Die Expert:innen sagen, dass es wichtig ist, den Gefühlen Platz zu lassen, über die Ängste zu sprechen - aber auch gleichzeitig für sich selbst zu sorgen. Das klingt natürlich einfacher als getan, kann aber ungemein helfen, wenn man es einmal ausprobiert. Vielleicht magst Du zum Beispiel ausprobieren, all deine Gefühle in einem Tagebuch oder Brief aufzuschreiben. Wenn Du ganz viele Emotionen auf einmal in deinem Körper spürst und nicht weißt, wie Du sie ordnen sollst, kann es helfen,  “alles von der Seele” zu schreiben. Setz Dich dafür gern an einen ruhigen Ort und nimm Dir genug Zeit. Wenn Du alle Dinge einmal schwarz auf weiß vor Dir siehst, fühlst du Dich vielleicht schon etwas besser als vorher. Wenn das nichts für Dich ist, kannst du Deinen Gefühlen eventuell beim Sport, Malen, Tanzen, Musizieren oder Kochen Raum geben. Tu das, was sich für Dich richtig anfühlt.

Oft spielen Emotionen wie Trauer, Wut und Fassungslosigkeit eine große Rolle - und jede davon hat ihre Berechtigung. Nur eins ist sicher: Du hast keine Schuld und trägst keine Verantwortung dafür, dass dein:e Angehörig:e erkrankt ist. Egal was Du einmal gesagt, getan oder nicht getan hast, es ist niemals der Grund für die Krebserkrankung. Dafür gibt es ganz unterschiedliche, häufig unbekannte Ursachen. Es fühlt sich oft unbegreiflich an und ist schwer zu fassen, dass ausgerechnet die Person, die man so gern hat, schwer erkrankt ist. Hilfreich könnte deshalb sein, Verständnis für diese schwierigen Gefühle zu zeigen und darüber zu reden. Wichtig ist, dass Du in dieser Situation nicht allein bist. Es ist aber auch völlig in Ordnung, wenn Du Deine Gefühle zunächst gar nicht in Worte fassen kannst. Manchmal können in solchen Momenten auch die Freude über die Augenblicke, die man bisher gemeinsam erleben konnte, Zuversicht spenden und Kraft geben.

Was kann man sagen?

Es gibt nicht das „Richtige“, was man zu Personen mit einer Krebsdiagnose sagen kann, denn jeder Mensch ist sehr individuell. Mitleid ist oft Fehl am Platz, aber Mitgefühl kann sehr wertvoll sein. Mitleid heißt, wortwörtlich mit der Person mit zu leiden und zu äußern, dass man ebenso Schmerzen verspürt. Dies hat aber die Folge, dass sich Betroffene zurückziehen. Schließlich möchten sie nicht, dass es auch ihren Angehörigen schlecht geht. Mitgefühl kann daher angemessener sein, denn dabei versucht man, die Menschen mit Krebsdiagnose zu verstehen und ihre Gefühle nachzuvollziehen. Man nimmt Anteil und das kann dazu führen, dass sich beide Personen weniger hilflos fühlen. Wenn man den Betroffenen richtig gut kennt, weiß man auch oft, was er oder sie braucht bzw. darf sich trauen, direkt danach zu fragen. Häufig ist es aber gar nicht nötig, viel zu sagen.

Es hilft allerdings nicht, die Situation schönzureden oder schwierige Emotionen zu verdrängen. Denn wenn negative Gefühle unterdrückt werden, ist kein Raum, über positive und hoffnungsvolle Gefühle zu sprechen. 

Für die Betroffenen ist es schön zu wissen, dass ihre Angehörigen an sie denken und ihnen Kraft spenden möchten. Ein Satz wie: „Bitte lass mich wissen, wenn ich etwas für dich tun kann.“ nimmt den Druck heraus und lässt die Betroffenen selbst entscheiden, ob und wann sie Dich um Hilfe fragen.

 Wie kann man die nahestehende Person unterstützen?

Schon durch kleine alltägliche Aufgaben im Haushalt, wie zum Beispiel Geschirr spülen, kannst Du die Person entlasten. Gemeinsam Zeit verbringen und ein Fotoalbum anfertigen, etwas vorlesen, einen gemeinsamen Spaziergang unternehmen oder Essen kochen - die Zeit, die Du der Person schenkst, wird ihr sehr viel bedeuten. Oft hilft es schon einfach nur „da“ zu sein.

Hat man das Recht, sich um sich selbst zu kümmern?

Belastet man das erkrankte Familienmitglied noch mehr, wenn man über die eigenen Gedanken, Emotionen, Grenzen und Bedürfnissen spricht? Tatsächlich sagen Betroffene immer wieder, dass es für sie sehr tröstlich ist, wenn sie sowohl hören als auch spüren, dass sie mit ihren Ängsten nicht allein sind, sondern ihre Angehörigen ebenfalls ähnliche Sorgen haben.

Akzeptiere Deine Grenzen. Es kann ungeheuer kräftezehrend sein, einer Person mit Krebsdiagnose helfen zu wollen. Solange Du Dich selbst sehr belastet fühlst, kannst Du Deine Angehörigen nicht gut unterstützen. Indem Du Deine Ressourcen aktivierst und Dir aktiv Augenblicke bescherst, die von den Sorgen ablenken und Deine Energiereserven aufladen lassen, kannst du dem entgegenwirken. All Deine Gefühle und Bedürfnisse sind in Ordnung. Es ist auch gar nicht möglich immer auf die erkrankte Person Rücksicht zu nehmen. Trotz der schwierigen Situation hast Du das Recht zu spielen, zu toben, auszugehen und Spaß zu haben. Du darfst dir einen Ausgleich schaffen und dich mit Dingen beschäftigen, die dir gut tun und dich ablenken. Auch wenn es schwerfällt das zu akzeptieren - Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, dass Du trotz allem glücklich bist und schöne Momente erlebst. Du darfst Dich um Dich selbst kümmern!

Wann ist es sinnvoll, sich selbst Hilfe zu suchen?

Die ganze Situation kann einen wirklich überfordern. Deshalb ist es umso wichtiger, sich Hilfe zu suchen, wenn man merkt, dass die Belastung überhand nimmt. Zum Beispiel, wenn man sich selbst immer lustloser und emotionaler fühlt, sich mehr und mehr zurückzieht oder große Probleme in der Schule oder in der Arbeit bekommt. Es ist auch völlig normal, dass die Erkrankung des Angehörigen einem selbst Angst macht. Du musst mit deinen Ängsten und Sorgen nicht alleine sein! Es ist normal in solch einer schwierigen Zeit Unterstützung zu benötigen.

Habe den Mut, das, was Dich bewegt, auszusprechen. Die Erkrankung Krebs sollte kein Tabu-Thema sein. Suche Dir jemanden, mit dem Du offen über Deine Gefühle reden kannst. Sich einem Freund oder einer Freundin zu öffnen und über die Gedanken zu sprechen kann schon viel bewirken und Kraft geben. Einen weiteren Raum, um über die Emotionen zu sprechen und auch schwierige Fragen stellen zu können, bieten Arztgespräche und Sitzungen bei Psychotherapeut:innen. In Deutschland gibt es außerdem Landeskrebsgesellschaften, die mit ihren Psychosozialen Krebsberatungsstellen, kostenlose Unterstützung für Betroffene und Angehörige anbieten. Mit einem Anruf kannst Du einen Termin mit einem/einer speziell geschulten Berater:in vereinbaren. Mögliche Fragen, die du dort loswerden kannst, könnten zum Beispiel sein:

  • Welche Art von Krebs hat mein/e Angehörige/r?

  • Wie kann man den Krebs behandeln?

  • Was passiert, wenn die Behandlung nicht wirkt?

Weitere Informationen

Ausführliche Informationen, passende Ansprechpartner:innen und weitere Tipps im Umgang mit Angehörigen mit einer Krebsdiagnose findest Du beim Krebsinformationsdienst, im „blauen Ratgeber“ der Deutschen Krebshilfe „Hilfen für Angehörige“ oder unter folgendem Link: https://kinder-krebskranker-eltern.de.

Der Mainzer Verein „Flüsterpost e. V.“ hat viele Informationen zum Thema zusammengetragen und auf seiner Website veröffentlicht. Hier wird eine Beratungsstelle angeboten, bei der sich Eltern und Kinder jeden Alters telefonisch oder per E-Mail melden können.

Wenn Du einfach jemanden zum Reden brauchst oder etwas suchst, wo Du all Deine Gefühle einmal loswerden kannst, kannst Du selbstverständlich auch an krisenchat.de schreiben. Wir haben immer ein offenes Ohr und sind 24/7 für Dich da

In einer Krise?
Schreib uns.
Wir helfen dir!

Kostenlose Beratung rund um die Uhr für alle unter 25.
Kontaktiere uns auf WhatsApp und lass dir helfen.