Die Essstörung ist ein Hilfeschrei

Alexandra erzählt offen und ehrlich von ihrer Essstörung. Sie hat es geschafft, den Hilfeschrei des Körpers in ein zufriedenes Leben umzuwandeln.

Alexandra (@wunderflecken)

Bevor du den Beitrag liest: Der Artikel enthält sensible Inhalte, die bei Dir womöglich etwas auslösen oder anstoßen könnten.

Hätte mir damals jemand mal gesagt, dass ich an Magersucht erkranken werde, hätte ich wohl laut gelacht. Niemals dachte ich, dass ich irgendwann in meinem Leben ein Problem mit meinem Essverhalten haben würde. Dafür aß ich einfach viel zu gerne. Zudem war ich ein sehr gelassenes, spontanes und intuitiv lebendes Mädchen. Dass ich im Laufe meines Lebens gefangen von Kontrolle und selbst auferlegten Regeln sein werde, wäre mir im Traum nicht in den Sinn gekommen.

Wie alles begann

Es gibt keinen genauen Tag, an dem die Magersucht da war. Es war ein Prozess, der schleichend anfing. Ich erinnere mich gut daran als ich mir vornahm, etwas sportlicher zu werden. In meinem Leben gingen einige Beziehungen in die Brüche. Es waren nicht nur partnerschaftliche Verluste, sondern auch familiäre und freundschaftliche. Ich fühlte mich oft alleine und dachte, ich könnte mir mit Sport die Zeit vertreiben und mir so ein gutes Gefühl geben, etwas geschafft zu haben. Ich wollte meinen Körper anfangs einfach etwas in Form bringen und mich fitter fühlen. So nahm ich ab, fühlte mich wohler und selbstbewusster. Das motivierte mich mehr und mehr abzunehmen. Schließlich bekam ich sogar Aufmerksamkeit von außen und so fühlte ich mich gesehen.

Kontrollverluste spielen eine große Rolle

Ein Jahr später machte sich meine chronische Krankheit Multiple Sklerose bemerkbar. Die MS habe ich schon seit länger, doch die Symptome der Krankheit hatte ich bis dahin gut im Griff. Mein gesamter Körper war plötzlich taub. Ich konnte nur noch sehr schlecht laufen, hatte Schmerzen am ganzen Körper und sah sehr verschwommen. Von den Medikamenten wurde ich träge, müde und bekam eine starke depressive Episode. Meine Gedanken zu dieser Zeit sagten mir ständig, dass ich kein Sport mehr machen könnte und ich jetzt „fett werden“ würde. Mein Lebensmut und meine Lebenslust wurden weniger. Mein Selbstwertgefühl nahm ab und das Gefühl, alleine zu sein wurde immer größer.

Ich beschloss, so wenig wie möglich zu essen

Der Sport und die Gewichtsabnahme gaben mir wenige Wochen zuvor noch das Gefühl, gut genug zu sein. Da ich aber unter diesen Umständen kein Sport mehr machen konnte, aber weiter abnehmen wollte, beschloss ich, so wenig wie möglich zu essen. Das war der absolute Beginn meiner Selbstversklavung. Ich hungerte, obwohl mein Körper alle Kräfte gebraucht hatte, der Multiplen Sklerose entgegenzuwirken, um wieder gesund zu werden. Ich nahm durch das Hungern natürlich auch ab und dachte, dass ich mir durch die Magersucht, die Kontrolle über meinen Körper wiederholen könnte. Doch diese Kontrolle war eine scheinbare Kontrolle. Sie endete über Jahre im Kampf mit mir selbst.

Ich besuchte zahlreiche Therapien und machte auch stationäre und teilstationäre Behandlungen. Doch bis ich begriff, dass mir keiner helfen kann, solange ich nicht bereit war, die Kontrolle loszulassen, dauerte es.

Was hinter meiner Magersucht steckte

Heute weiß ich: Es gab nicht DEN EINEN Auslöser. Der Grund lag auch nicht darin, dass ich einfach etwas unzufrieden mit meinem Körper war. Die Essstörung ist nicht nur eine Krankheit, die man durch regelmäßiges und ausreichendes Essen wieder heilt. Die Essstörung ist vielmehr ein Symptom von mehreren Baustellen. Mein Leben war geprägt von negativen Glaubenssätzen, die im Laufe meines Lebens entstanden sind. Diese Glaubenssätze liefen ständig unbewusst ab. Ich dachte lange Zeit, ich sei anders, dumm, alleine und nicht wertvoll. Das waren meine inneren Überzeugungen und Glaubenssätze.

Ich fühlte mich alleine, verlassen, nichts wert und schlecht. Durch die Magersucht erregte ich bei anderen Menschen Aufmerksamkeit. Somit holte ich mir ein Gefühl von wertvoll sein ein womit ich all meine negativen Glaubenssätze zu unterdrücken versuchte. Dadurch dass ich immer weiter abnahm, gab ich mir selber das Gefühl, etwas im Griff zu haben, ich dachte, ich würde etwas leisten. Ich dachte, abnehmen sei etwas, was ich kann. So gab ich mir selber Anerkennung. Außerdem dachte ich, wenn man sich um mich sorgt, weil ich so dünn sei, dann wäre ich etwas wert, dann wäre ich geliebt. Doch all das war völliger Bullshit. Meine negativen Glaubenssätze konnte ich auch nicht lange unterdrücken, sie kamen immer und immer wieder hoch.

Ich wollte nicht fühlen

All die Gefühle, die sich über die Jahre bei mir angestaut haben, habe ich niemals fühlen wollen. Schon als Kind nicht. Ich habe früh gelernt, dass Gefühle schlecht wären, dass sie nicht da sein dürften. Also unterdrückte ich all meine Gefühle schon von Beginn an. Doch irgendwann war das Fass voll und meine Gefühle konnten nicht mehr unterdrückt werden. Ich wollte mich vor schlechten Gefühlen mit der Essstörung schützen und retten. Also suchte ich mir ein Ventil, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das war dann die ES (Essstörung). Damit unterdrückte ich Wut, Trauer und Angst. Sobald ich Druck in mir verspürte, benutzte ich die Essstörung.

Ich hielt mich in meinem eigenen Käfig gefangen

Einerseits fühlte ich mich alleine und nicht liebenswert, aber andererseits konnte und wollte ich die Hilfe von anderen auch nicht annehmen. Ich hatte mir über Jahre ein System Namens Essstörung aufgebaut. In dieses System kam niemand rein und ich nicht raus. Ich dachte, so könnte mich niemand verletzten, weil ich dachte, dass ich alles unter Kontrolle hätte. Doch gleichzeitig verletzte ich mich selber. Ich wollte immer gesehen und gerettet werden, aber gleichzeitig ließ ich auch niemanden in mein System, weil ich die ES nicht loslassen wollte. Ich hielt mich gefangen in diesem System, das aus Ketten in Form von festen Regeln und Zwängen bestand.

Warum ich nicht gesund werden wollte

Lange fragte ich mich, wer ich denn ohne die Essstörung wäre. Schließlich war das meine Art, mich vor Gefühlen zu schützen. Ich holte mir mein Selbstbewusstsein durch Erfolge (indem ich immer mehr abnahm) und bekam Aufmerksamkeit von außen und fühlte mich so gesehen. Ich hatte Angst, dass dann mein ganzes Leben zusammenbrechen würde. Ich hatte Angst, dass ich ein Leben ohne Kontrolle über meinen Körper nicht schaffen würde. Was mir auf meinem Heilungsweg geholfen hat

Erst als es gesundheitlich wirklich ernst wurde, verstand ich, was ich mir selber seit Jahren antat. Ich entschied mich, die Kontrolle über meinen Körper und allem, was damit zusammenhängt, loszulassen.

Auf meinem Weg bekam ich Unterstützung von Psychologen, Körper- und Verhaltenstherapeuten. Ich beschäftigte mich unter professioneller Begleitung mit meinen Glaubenssätzen und heilte nach und nach meine negativen Überzeugungen. Es half mir, meine Motive zu verstehen. Ich selber gab mir den Halt durch Yoga und Meditation. Ich las sehr viele Bücher über das Thema Selbstliebe und Glaubenssätze. Doch das, was mir am meisten geholfen hat, war der Entschluss von der Angst in das Vertrauen zu wechseln. Die einzige Person, die sich heute Halt geben darf, bin ich. Bis ich das verstand, dauerte es eine Weile. Diese Erkenntnis war auch anfangs schmerzhaft, doch es ist die Wahrheit. Ich erkannte, dass all die Liebe, nach der ich mich sehnte, mir weder die Essstörung noch ein Partner geben kann. Diese Liebe kann ich mir nur selber geben. In den ganzen Jahren verwehrte ich mir die Liebe zu mir selber durch die ES. Zudem erkannte ich, dass ich auch die einzige Person bin, die überhaupt die Fähigkeit hat, meine Bedürfnisse zu erfüllen und mich glücklich zu machen. Ich machte mich auf den Weg in Richtung Frieden. Frieden mit mir.

Der Körper ist ein Wunderwerk

Lange Zeit arbeitete ich gegen meinen Körper. Ich hatte sowieso schon eine körperliche Krankheit und ich haute durch die Magersucht noch weiter darauf. Dabei ist jeder Körper einzigartig und wunderschön ist. Unser Körper gibt uns ein Zuhause. Ohne diesen Körper könnten wir gar nicht existieren, wir könnten all die Dinge, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, gar nicht erfahren!

Was ich dir sagen möchte

Die Essstörung hat mich vieles gelehrt. Ich musste viele Dinge neu lernen. Ich lernte wieder “normal” zu essen. Es war verdammt schwierig, aber es lohnt sich. Das Leben in Gelassenheit und Ruhe ist so viel einfacher als ein Leben mit einer Essstörung, die das Leben kontrolliert. Ich dachte immer, ich könnte durch die Essstörung alles kontrollieren und wäre in Sicherheit, dabei war es die Essstörung, die mich kontrollierte und in einem Leben voller Angst gefangen hielt. Mir hat es geholfen zu schauen, weshalb ich die Essstörung "brauche". Vielleicht ist es bei dir Ähnlich. Du darfst dir jeder Zeit Hilfe holen, denn DU bist wertvoll!

Von der Angst ins Vertrauen

Ich durfte durch das Loslassen der Kontrolle und von der Essstörung lernen, wie schön es ist, zu vertrauen. Es ist auch eigentlich gar nicht schwer. Doch mir fehlte der Mut ins Vertrauen zu gehen. Heute weiß ich, dass es sich lohnt. Ich bin immer noch auf dem Weg und dieser Prozess ist unglaublich aufregend. Ich habe mich entschieden, zu vertrauen, dass alles genauso gut ist, wie es ist. Wir sind nicht auf dieser Welt, um in Angst und Kontrolle zu leben. Wir sind hier, weil wir das wunderbare Geschenk bekommen haben all das, was uns umgibt, zu genießen. Alles, was wir brauchen ist bereits da. Falls du betroffen bist, dann wünsche ich dir allen Mut, die Kontrolle loszulassen, um ins Vertrauen zu kommen.

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