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Der Fall Metzelder - warum bekommt der keine "richtige" Strafe?

Das aktuelle Urteil für den ehemaligen Fußballer Christopher Metzelder wirft für junge Menschen viele Fragen auf. Juliane Pougin erklärt Dir in diesem Artikel, wie es zu dem Urteil kam und was du als Betroffene oder Betroffener tun kannst.

Juliane Pougin

Lea und Annika

Lea ist wütend, richtig wütend. Gerade hat Annika angerufen und geweint. Lea fühlt sich hilflos. So gerne würde sie Annika helfen. Doch das kann sie nicht. Sie fühlt sich selbst hilflos. Annika hat ihr erzählt, dass gerade das Urteil im Fall Metzelder veröffentlicht wurde, und dass das doch beweisen würde, dass es nichts bringt jemandem von sowas zu erzählen. Offensichtlich passiere da doch gar nichts. Was würde es bringen, wenn sie ihrer Mutter erzählen würde, was ihr Stiefvater für Bilder auf dem PC habe? Annika hatte ihn zufällig dabei gesehen, wie er sich Bilder im Internet anschaute auf denen Kinder sexuelle Gewalt erlebten und ihnen schreckliche Dinge angetan wurden. Sie war so schockiert gewesen, dass sie ganz starr war. Seit dem hat sie Angst vor ihm. Hat sich aber noch nicht getraut ihrer Mutter davon zu erzählen. Sicher würde ihre Mutter denken, sie lüge, da sie den Stiefvater eh nicht mag. Immer schaut er sie so komisch an, dass sie sich unwohl fühlt in seiner Gegenwart. Und sicher würde der Stiefvater es abstreiten, oder eben wie Metzelder gar keine Strafe erhalten. Nur Lea gegenüber konnte sie sich anvertrauen, weil das Geheimnis doch zu groß war.

Lea hat in den letzten Wochen so oft versucht Annika Mut zu machen, ihrer Mutter zu erzählen, was sie gesehen hat. Sie versuchte Annika zu überzeugen sich an die Polizei zu wenden. Das traute sich Annika nicht. Oder wenigstens erstmal eine anonyme Beratung bei ProFamilia. Lea hatte gelesen, dass die Opfern von sexueller Gewalt helfen. Vielleicht würden die auch helfen, wenn man erzählt, dass man weiß, wenn jemand solche Bilder hat. Annika zögerte. War mutlos. Wochenlang hatte Lea mit ihr reden müssen. Jetzt endlich war Annika bereit gewesen einen Termin bei ProFamilia mit ihr wahrzunehmen. Sie war so kurz davor sich endlich Hilfe zu holen. Und dann das?

Dieses Urteil war wie ein Schlag ins Gesicht. Genauso fühlt es sich an, dachte Lea. Als wären die Opfer nichts wert. Denn schließlich passierte ja diesem Metzelder nichts. Das hörte man ja überall im Radio. Bewährung – das war ja irgendwie keine Strafe.

Lea verstand, was Annika meinte. Es stimmt doch was in unserem Gesetz nicht, wenn jemandem nichts passiert, der so viele Bilder die sexueller Gewalt zeigen auf dem Handy hat und die auch noch an andere verschicken darf. Lea mochte den Begriff „Kinderpornografie“ nicht. Schon dieser Ausdruck machte sie wütend, wenn die Journalisten im Fernsehen es so nannten. Bei Porno könnte man ja vermuten das macht den Kindern spaß. Es ist sexuelle Gewalt und so sollte es auch genannt werden.

Lea begann zu recherchieren, wieso es zu diesem, Urteil überhaupt kommen konnte. Wie ist denn das mit den Gesetzen in Deutschland in einem solchen Fall? Und hat Metzelder tatsächlich „keine Strafe“ bekommen?

Das Urteil

Zehn Monate Haftstrafe auf Bewährung – dieses Urteil erhielt der frühere Fußballspieler Christoph Metzelder für die Weitergabe von Darstellungen sexueller Gewalt an Kinder und Jugendlichen.

Der Prozess wurde nach nur einem Tag beendet. Es schien, als würde da nicht mal richtig drüber gesprochen. Metzelder hatte die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zuvor in Teilen eingeräumt. Reichte sowas schon? Ein „Teilgeständnis“, also nicht mal alles zugeben, darf doch keine Entlastung sein. Was hatte der den zuzugeben? Lea hatte gehört, dass man fast 300 Bilder auf seinem Handy gefunden hatte – was gab es da noch zuzugeben?

Lea beschließt das Thema in der Schule im Unterricht anzusprechen und zu fragen warum das so ist. Die Lehrerin nimmt die Idee begeistert auf und schon am kommenden Tag wird der Fall Metzelder zum Unterrichtsthema.

Alle Schüler:innen sind genauso entsetzt wie Lea. Keiner macht dumme Witze. Auch die Jungs finden es schrecklich. Keiner hält so zu dem früheren Fußballstar. Das tut Annika gut, das sieht Lea ihr an.

Die Lehrerin erklärt das wichtigste zu dem Fall:

Metzelder hat ein sogenanntes Teilgeständnis abgelegt. Er hat also einen Teil der Anschuldigungen zugegeben, einen anderen nicht. Er hat gestanden Dateien mit Darstellung von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen weitergegeben zu haben ein.

Positiv wäre Metzelder beim Strafmaß angerechnet worden, dass er schon vor einem Jahr eine Therapie angefangen habe. Außerdem sei er bisher sonst nicht vorbestraft, und es sei zu erwarten, dass er künftig keine Straftaten mehr begeht. Das Gericht ist also sicher, dass er keine Bilder mehr verschicken wird.

Auch habe er sich öffentlich entschuldigt, sowas wirke auch strafmildernd. „Ich werde den Rest meines Lebens mit dieser Schuld als Teil der Gesellschaft leben müssen“, habe Metzelder vor Gericht gesagt. Lea dachte sich, dass das zwar sicher stimme, das könne aber doch nicht genug sein- wer denkt denn mal an die Kinder?! Aus Leas Sicht fehlt es bei dem Urteil die abschreckende Wirkung, das sagt sie auch so ihrer Lehrerin. Sie ist so wütend dabei, dass sie Tränen in den Augen hat. Annika drückt ihre Hand. Ihre Lehrerin hat volles Verständnis. „Manchmal sind Gesetze nicht mehr richtig, dann muss der Gesetzgeber daran etwas ändern“, sagt sie und erklärt, dass der Gesetzgeber bereits reagiert hat.

Ein neues Gesetz

Am 25. März wurde der Strafrahmen für solche Delikte im Rahmen des Gesetzespaketes „zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder“ verschärft.

  • Laut diesem Gesetz werden die Verbreitung, der Besitz und die Besitzverschaffung von Dateien mit Darstellungen sexueller Gewalt von Kindern und Jugendlichen werden zum Verbrechen. (Lea denkt sich- Wahnsinn was wird jetzt erst überhaupt zur Straftat?”

  • Für die Verbreitung solcher Dateien sind nun Freiheitsstrafen von einem bis zu zehn Jahren vorgesehen. Bisher waren das nur zwischen drei Monate bis fünf Jahre.

  • Für den Besitz oder dafür sich solche Fotos zu beschaffen können künftig Freiheitsstrafen von einem Jahr bis zu fünf Jahren verhängt werden. Bisher waren es bis zu drei Jahre oder nur Geldstrafe.

„Warum wurde dann aber Metzelder jetzt im Mai noch nach altem Recht bestraft?“, fragt Annika leise. Sie fürchtet, dass es vielleicht sein könnte, weil er die Bilder ja vor dem neuen Gesetz hatte. Dann würde ihrem Stiefvater genauso wenig passieren wie Metzelder, davon war sie überzeugt. Dann würde alles keinen Sinn haben und es wäre besser, wenn sie weiter schweigt.

Die Lehrerin erklärt, dass für noch die alte Rechtslage galt, weil das Gesetz da noch nicht in Kraft gewesen wäre, als er angeklagt wurde. Jetzt sei das also anders und die Strafe würde in einem solchen Fall jetzt auch deutlicher und härte ausfallen. Lea ist nun sicher, dass Annika mit ihr den Termin bei ProFamilia wahrnehmen wird. Auch wenn das Gesetz vielleicht noch nicht so perfekt ist, wie sie es sich wünscht, ist es doch zumindest so, dass Annikas Stiefvater nicht einfach so damit durchkommen wird.

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Wir von krisenchat.de möchten Euch mutmachen und sagen: Wenn ihr von sexueller oder häuslicher Gewalt betroffen seid oder erfahren habt- meldet euch bei den unten aufgeführten Spezialberatungsstellen oder bei uns. Unsere Berater:innen sind zu diesen Themen geschult und beraten euch vertraulich und empathisch. Zusammen sind wir stark und finden wir einen Weg!

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