Selbstverletzendes Verhalten – Ursachen und Therapie (Fokus auf Skills)

Traumatische Erfahrungen in der Kindheit, aufwühlender Stress in der Schule, Liebeskummer, Streit mit Freunden:innen oder die belastende Trennung der Eltern: Die Ursachen für selbstverletzendes Verhalten unter Kindern und Jugendlichen sind vielfältig.

Lea Draeger

Hinter jeder einzelnen Verletzung, jedem Schnitt und jeder Wunde verbirgt sich ein großes seelisches Leiden, dessen angemessene Bewältigung für Betroffene schier unmöglich scheint. Doch was ist selbstverletzendes Verhalten eigentlich genau und warum verletzen Menschen sich selbst?

Selbstverletzendes Verhalten beschreibt das bewusste und absichtliche Zufügen von Wunden an der eigenen Hautoberfläche oder dem eigenen Körpergewebe, die in der Regel jedoch keine lebensbedrohlichen Folgen mit sich bringen. In den allermeisten Fällen zeigen sich die verletzenden Verhaltensweisen bei Betroffenen in Form von Schnitten und Ritzen an der Haut der Arme und/oder der Oberschenkel. Die am häufigsten verwendeten Gegenstände hierfür stellen Rasierklingen, Messer, Scheren oder Glasscherben dar. Grundsätzlich gilt aber, dass all jenes Verhalten, das Verletzungen am eigenen Körper mit Absicht herbeiführt, als selbstverletzendes Verhalten bezeichnet werden kann. Demnach zählen also auch eigens zugefügte und absichtliche Knochenbrüche oder Verbrennungen zur Bandbreite dieser Verhaltensform.

Warum verletzen sich Menschen selbst?

Selbstverletzendes Verhalten tritt bei Betroffenen in der Regel dann auf, wenn sich aufgrund von negativen Erlebnissen oder Erinnerungen eine starke innere Spannung aufbaut, die als so unangenehm und unaushaltbar erlebt wird, dass sie laut Betroffenen so schnell wie möglich abgebaut werden muss. Du kannst dir diesen inneren Anspannungszustand wie einen brodelnden Teekessel vorstellen. Der heiße Wasserdampf bringt den Kessel immer weiter zum Sieden, bis der aufsteigende Dampf schließlich mit einem lauten Pfeifen entweichen muss. Leidtragenden gelingt es in einem solchen Moment der Anspannung nicht, ein Ventil zum Ablassen des Druckes zu finden, welches ohne Verletzungen und körperlichen Schmerz auskommt.

Auto-aggressives Verhalten

Vielleicht kennst du aus deinem näheren Umfeld Menschen, die schnell aus ihrer Haut fahren und ihre starken Emotionen durch lautes Schreien oder Weinen zum Ausdruck bringen. Menschen mit auto-aggressivem Verhalten, zu dem die Selbstverletzung zählt, richten ihre negativen oder starken Emotionen jedoch nach innen und wenden diese in Stille und Abgeschiedenheit gegen die eigene Person. Betroffene berichten häufig, dass sie durch die Selbstverletzung in der Lage sind, sich kurzfristig “real“ zu fühlen und auch trotz innerer Leere wieder überhaupt irgendeine Art der Empfindung spüren können.

Das selbstverletzende Verhalten kann jedoch bei starker Unzufriedenheit mit der eigenen Person und Abwertung des eigenen Körpers auch Ausdruck von Selbstbestrafung sein. Betroffene, die zu selbstverletzendem Verhalten neigen, berichten häufig davon, dass der Schmerz und das Sehen von Blut ihnen kurzfristig ein Gefühl von Erleichterung verschafft, sie sich meistens jedoch bereits kurz nach der Tat schlecht und schuldig fühlen.

Wenn auch du von selbstverletzendem Verhalten betroffen bist, ist es ganz wichtig, dass du deine Wunden anschließend gut versorgst und medizinisch behandeln lässt, beispielsweise wenn ein Schnitt so tief ist, dass er unbedingt von einem:r Arzt:Ärztin genäht werden muss. Kleinere offene Stellen zu desinfizieren und mit einem Pflaster zu bedecken, reduzieren zudem das Risiko einer sich anschließenden Entzündung des Gewebes oder einer möglichen Blutvergiftung.

Ursachen und Therapie

Häufig ist das Verhalten nur ein Symptom einer komplexeren psychischen Erkrankung wie einer Angststörung, einer Traumafolgestörung, Depressionen sowie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ob sich eine solche Störung im Laufe des Lebens entwickelt und ob sich selbstverletzendes Verhalten im Rahmen dieser Störung zeigt, hängt von einer großen Bandbreite an Wirkfaktoren ab. In der Psychologie und der Medizin wird zur Erklärung von psychischen Erkrankungen das sogenannte “bio-psycho-soziale Modell“ herangezogen. Das Modell legt nahe, dass es nicht einen konkreten Grund für auto-aggressives Verhalten gibt, sondern mehrere Faktoren zusammenspielen müssen, damit eine Person dieses Verhalten entwickelt.

Hierbei spielen die Genetik, die psychische Belastbarkeit und die sozialen Umstände eines Menschen eine entscheidende Rolle. Um solch ein komplexes Störungsbild langfristig zu bezwingen, ist eine professionelle Psychotherapie unerlässlich. Besonders hat sich die kognitive Verhaltenstherapie, kurz auch KVT genannt, in dem Kontext des selbstverletzenden Verhaltens als hilfreich erwiesen. In einer Therapie lernst du, die Warnsignale deines Geistes und deines Körpers für selbstverletzendes Verhalten frühzeitig zu erkennen, um rechtzeitig gegensteuern zu können. Du lernst, die Auslöser und deine Emotionen bewusst wahrzunehmen, um anschließend in der Lage zu sein, dein Verhalten zu kontrollieren.

Solltest du allerdings von selbstverletzendem Verhalten betroffen sein und noch auf einen Therapieplatz warten müssen und deshalb schon für die nahe Zukunft Tipps benötigen, um mit starken Gefühlen umgehen zu können, findest du im Folgenden einige hilfreiche Skills.

Was sind Skills?

Für die Zeit außerhalb des Therapieraums gibt es hilfreiche Sofortmaßnahmen, die du anstelle des selbstverletzenden Verhaltens ausführen kannst, um dem Verletzen vorzubeugen und den Druck nach Selbstverletzung zu lindern. Wenn du erneut an das Sinnbild des Teekessels denkst, suchst du dir also mithilfe von Ersatzhandlungen ein alternatives Ventil zum Druckablassen. Diese kurzfristig wirksamen Strategien, welche dem Körper keine langfristigen Schäden zufügen, werden von Psychotherapeuten:innen und Psychiatern:innen auch “Skills“ genannt. Wirksame Skills können sich jedoch von Person zu Person unterscheiden. Was dir hilft, muss nicht unbedingt einem:r Freund:in helfen und umgekehrt.

Ziel der Skills ist es, die Aufmerksamkeit vom Drang, sich zu verletzen, wegzulenken, den Druck jedoch trotzdem abzubauen – ganz ohne Eigengefährdung. Anspannungszustände werden im therapeutischen Rahmen häufig in drei Dimensionen eingeteilt: niedrige Anspannung, mittlere Anspannung und Hochspannung.

Die körperlichen Merkmale der Anspannungszustände unterscheiden sich deutlich voneinander. Geht eine niedrige Anspannung beispielsweise nur mit leicht schwitzigen Händen einher, so kann sich eine Hochspannung in starkem körperlichen Schwitzen, einem roten Kopf, zitternden Körperteilen und einem flauen Magen äußern. Je nach Spannungszustand sind in der Regel unterschiedliche Arten von Skills erfolgreich.

Was kannst du in akuten Momenten tun?

Experten:innen unterscheiden zwischen sinnesbezogenen, körperbezogenen, gedankenbezogenen und handlungsbezogenen Skills. Durch sinnesbezogene Skills kannst du versuchen, einen deiner fünf Sinne so intensiv anzusprechen, dass du die Aufmerksamkeit vom Druck, dir Schmerz zuzufügen, weglenkst. Möglichkeiten hierfür sind beispielsweise eine scharfe Chilischote zu kauen oder dir ganz kaltes Wasser über den Kopf laufen zu lassen. Eine Atemübung zählt beispielsweise zu den körperbezogenen Skills. Das Bearbeiten von Kreuzworträtseln ist ein Beispiel für einen gedankenbezogenen Skill und das Ausführen von sogenannten Hampelmännern ist ein handlungsbezogener Skill. Schauen wir uns nun aber etwas genauer an, welche Bewältigungsstrategie du konkret in welchem Anspannungszustand ausprobieren könntest.

Hilfe zur Selbsthilfe

Bei leichter innerer Anspannung (0-30%) kann es bereits hilfreich sein, Musik zu hören oder an der frischen Luft zu joggen oder spazieren zu gehen. Vielleicht beruhigt dich aber auch schon das Trinken einer Tasse deines Lieblingstees. Einen mittlerer Anspannungszustand (30-70%) kannst du beispielsweise durch das Durchführen einer Achtsamkeitsübung lindern. Mach es dir zehn Minuten lang im Sitzen oder im Liegen bequem und achte nur auf deine Körperwahrnehmungen und deinen Atem. Unterstützend kannst du dazu auch Entspannungsmusik hören oder dir ein Youtube-Video mit geführter Entspannungsmeditation anhören. Auch einen Koush-Ball oder Knetgummi zu kneten, alte Kataloge oder Zeitschriften zu zerreißen oder laut in dein Kissen zu schreien, sind mögliche Hilfen.

Um deine Anspannung abzubauen, kannst du auch einen Eiswürfel lange in der Hand halten, ihn dir in den Nacken, auf die Schläfen oder die Handgelenke legen, die Treppen deines Hauses bis zur Erschöpfung rauf- und runterlaufen und generell Sport betreiben. Selbst über deine Empfindungen zu reden und deine Anspannung mit einer anderen Person zu teilen, kann bereits entlastend wirken. Versuch eine dir vertraute und wichtige Person anzurufen und deine Gedanken auszusprechen. Sollten die vorher genannten Tipps keine Wirkung zeigen, kannst du auch eine Farbübung ausprobieren, bei der du so schnell wie möglich fünf Dinge in der Farbe blau, anschließend gelb, grün und so weiter in deiner Umgebung suchst. Womöglich hilft es dir auch, deine Gedanken in Form eines Gedichtes oder eines Tagebucheintrages zu Papier zu bringen.

Es gibt Auswege

Solltest du dich jedoch in einem Zustand sehr starker Anspannung (70-100%) befinden, ist es ratsam, zu stärkeren Maßnahmen zu greifen, um dich vom Selbstverletzungsdruck abzuhalten. Leg dir Kirschkerne in deinen Schuh und geh eine große Runde spazieren. Das Kauen einer scharfen Chilischote, das Beißen in eine Zitrone, das Lutschen von Ahoi-Brause oder das Lutschen (nicht Kauen) eines Center-Shocks können deinen Stress ebenfalls lösen. Hast du eventuell einen Boxsack zu Hause? Dann boxe dort kräftig rein, bis du keine Kraft mehr hast. Alternativ kannst du dir auch ein Gummiband um das Handgelenk legen und immer wieder schnipsen lassen. Je nach Intensität kannst du dadurch einen ordentlichen Schmerz spüren, ohne Narben oder Wunden auf deiner Haut zu hinterlassen. Auch das Platzieren von eiskalten Coolpacks auf deinen Beinen, deinem Bauch oder deinen Oberschenkel oder das Riechen an einem Duftöl aus Ammoniak-Lavendel, können dich zurück ins Hier und Jetzt holen.

Notfallset

Solltest du nach einer Weile des Probierens festgestellt haben, welche Methoden für dich in akuten Stresssituationen besonders hilfreich sind, ist es empfehlenswert, dir einen kleinen “Notfallkoffer“ zusammenzustellen. In diesen legst du nun die vier deiner effektivsten Skillgegenstände. Hierfür eignet sich eine kleine Kiste, ein Mäppchen oder auch ein Kulturbeutel. Denke daran, deinen persönlichen “Erste Hilfe“-Koffer griffbereit zu verstauen, damit du ihn in Selbstgefährdungssituationen schnell zur Hand hast.

Solltest du unter selbstverletzendem Verhalten leiden, möchten wir dich wissen lassen, dass du keine Scham und Schuld verspüren musst. Damit du jedoch in Zukunft geeignete Alternativmethoden zur Bewältigung deiner Gefühle findest, bitten wir dich, dass du dich einer erwachsenen Person deines Vertrauens offenbarst und dir professionelle Hilfe holst. Du bist es wert.

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