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Toxische Kommunikation bei Eltern* erkennen

Wie deine Eltern* (oder *Sorgeberechtigte) mit dir kommunizieren kann dein Wohlbefinden und deinen Selbstwert beeinflussen. In diesem Artikel findest du 8 Anzeichen für toxische Kommunikation bei deinen Eltern* und 3 Tipps, wie du damit umgehen kannst.

Sina Hain

Worte können weh tun. Vielleicht hast du das schon einmal erlebt: der falsche Satz im richtigen Moment kann sich anfühlen wie ein Tritt in die Magengrube. Auf der anderen Seite kann ein Lob oder ein Dankeschön sich anfühlen wie eine warme Umarmung. Wie deine Sorgeberechtigten mit dir kommunizieren kann dein Wohlbefinden und deinen Selbstwert beeinflussen. In diesem Artikel findest du 8 Anzeichen für toxische Kommunikation bei deinen Eltern* und 3 Tipps, wie du damit umgehen kannst. 

Wie funktioniert Kommunikation?

Um zu verstehen, was toxische Kommunikation ist und was sie mit dir und deinen Gefühlen macht, hilft es sich erstmal zu überlegen, wie Kommunikation an sich funktioniert. Dafür verwenden Psycholog:innen oft das “Vier-Ohren-Modell”. Dieses Modell soll deutlich machen, dass jeder Satz aus vier Blickwinkeln verstanden, also sozusagen mit vier verschiedenen Ohren gehört werden kann: dem Sachebenen-Ohr, dem Selbstkundgabe-Ohr, dem Beziehungs-Ohr und dem Appell-Ohr.  

Versuchen wir mal, uns das an einem Beispiel zu überlegen. Eine Mutter sagt zu ihrem Kind: “Es liegt hier alles voll mit deinen Sachen.” 

Der erste Blickwinkel aus dem das Kind den Satz interpretieren kann, ist die Sachebene, sozusagen die Fakten. Auf der Sachebene vermittelt der Satz die Information, dass mehrere Dinge des Kindes sich im Raum befinden. 

Zweitens enthält jede Aussage, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, Hinweise auf die Gefühle, Werte, Eigenarten und Bedürfnisse der sprechenden Person und ist sozusagen eine Selbstkundgabe. Auf der Ebene der Selbstkundgabe hört das Kind raus, dass die Mutter gereizt ist und das Bedürfnis nach Ordnung hat. 

Die Beziehungsseite enthält Informationen, wie der Sprechende zu seinem Gegenüber steht. Vielleicht wird das Kind bei dem Satz der Mutter traurig oder besorgt, weil es merkt, dass die Mutter unzufrieden mit ihm ist. 

Wenn wir sprechen, tun wir das in der Regel aus einer bestimmten Motivation heraus. Der Appellaspekt einer Aussage beinhaltet Wünsche, Aufforderungen, Ratschläge oder Handlungsanweisungen, die in der Aussage enthalten sind. Im Beispiel fordert die Mutter das Kind mit dem Satz “Es liegt hier alles voll mit deinen Sachen.”  auf, seine Dinge weg zu räumen. 

Wie beeinflusst Kommunikation unseren Selbstwert und unser Wohlergehen? 

Wir haben es am Anfang dieses Artikels schon festgestellt. Worte können uns verletzen und sie hinterlassen Spuren: Wenn wir noch klein sind, speichern wir das, was unsere Eltern* uns mit Worten mitteilen als Informationen über uns selbst ab. Toxische Kommunikation bei deinen Eltern* kann dafür sorgen, dass du einen inneren Kritiker entwickelst, der es dir schwer macht, zufrieden mit dir zu sein und dir Dinge sagt, wie “Du bist nicht gut genug.” oder “Du schaffst das nicht, du bist schwach.” Psycholog:innen nennen solche Sätze “negative Grundannahmen”. Und die lösen bei uns negative Gefühle, wie Schuld, Scham und Traurigkeit aus. Außerdem wirken sie sich negativ auf unseren Selbstwert aus. Dieser Einfluss ist oft da, ohne dass wir es merken und toxische Kommunikation ist nicht immer offensichtlich. Im nächsten Absatz findest du 8 Anzeichen für toxische Kommunikation bei deinen Eltern* und 3 Tipps, wie du damit umgehen kannst. 

Wie erkenne ich toxische Kommunikation?

Im letzten Absatz hast du gelesen, wie Worte unser Bild von uns Selbst beeinflussen können und wie Kommunikation mit negativen Gefühlen zusammenhängt. Es ist also wichtig, zu erkennen, wenn du Kommunikation ausgesetzt bist, die dir schadet. Ein wichtiger Hinweis für toxische Kommunikation bei deinen Eltern* ist, wie du dich damit fühlst, wenn deine Eltern* mit dir und über dich sprechen. 

Von toxischer Kommunikation spricht man, wenn die Art und Weise wie zuhause mit dir gesprochen wird, dafür sorgt, dass du dich abgewertet, beschämt, unter Druck gesetzt und/ oder nicht beachtet fühlst. 

Im folgenden findest du Beispiele für Aussagen, die Hinweise für toxische Kommunikation sind. 

  1. Aggressive, beschuldigende Kommunikation und verbale Angriffe 

Häufiges Schreien und Beleidigungen schaden deinem Wohlbefinden und setzen dich akutem Stress aus. Du hast es verdient, dass man in Zimmerlautstärke und respektvoll mit dir spricht und man dich zu Wort kommen lässt, auch wenn du etwas falsch gemacht haben solltest. 

2. Übertrieben kritische Aussagen 

Alle Eltern* kritisieren von Zeit zu Zeit. Das ist auch gut so, damit wir in unserer Kindheit lernen, Dinge zu erledigen, wie zum Beispiel unser Zimmer ordentlich zu halten. Aber wenn jede Kleinigkeit kritisiert wird und du das Gefühl hast garnichts mehr richtig machen zu können, sorgt das dafür, dass du dich nicht wertgeschätzt fühlst. Zum Beispiel, wenn deine Sorgeberechtigten auf etwas, auf das du stolz bist mit Aussagen reagieren wie „Und warum hast du keine 1+ bekommen?“? Wenn deine Eltern* sehr kritisch sind, kann es passieren, dass du dir selbst gegenüber auch sehr kritisch bist und das kann es dir schwer machen, dich selbstbewusst zu fühlen. 

3. Aussagen, die dir Angst machen

Manche Eltern* erzählen ihren Kindern von schreckliche Dingen, die passieren werden, wenn sie etwas Bestimmtes tun oder nicht tun. Wenn deine Eltern*, so mit dir kommunizieren, um dich zu disziplinieren, kann es sein, dass du dir große Sorgen machst und Ängste entwickelst. Kinder sollten keine Angst haben müssen, um die Wünsche ihrer Eltern zu respektieren. 

4. Extrem negative Aussagen, die sehr häufig gemacht werden

Jeder und jede hat mal schlechte Laune und sich zu beschweren ist okay. Aber wenn jede Aussage eine Beschwerde, eine Kritik oder eine pessimistische Zukunftsvision ist, erzeugt das ein negatives Klima. Das kann dazu führen, dass du selber Schwierigkeiten hast eine positive Lebenseinstellung zu entwickeln. 

5. Aussagen, die dich verantwortlich für das Glück deiner Eltern* machen

“Du willst doch nicht, dass ich mir Sorgen mache.” “Bei allem was ich für dich getan habe…” Solche Aussagen sprechen dafür, dass deine Eltern unrealistische Erwartungen an deine Rolle in ihrem Leben gestellt haben. Es kann dir schaden, wenn die Kommunikation deiner Eltern dafür sorgt, dass du dich verantwortlich für das Glück deiner Eltern fühlst oder schuldig dafür ihre Fürsorge und Unterstützung zu erhalten. 

6. Aussagen, die es verhindern, dass du negative Gefühle äußern kannst

Aussagen wie “Gejammert wird nicht.” oder “Wenn du weinst muss ich auch gleich weinen.” sind oft nicht böse gemeint. Unbewusst geben sie dir aber zu verstehen, dass du deine negativen Gefühle gerade nicht zeigen solltest. Es ist wichtig, dass du weißt, dass negative Gefühle da sein dürfen und dass es nicht deine Aufgabe ist, diese zurückzuhalten. 

7. Verweigerung von Aussagen

Du kennst das vielleicht auch: es kann schwer sein, mit jemandem zu reden, wenn man wütend ist. Aber wenn deine Eltern dich Anschweigen oder Ignorieren, um dir zu zeigen, dass du in ihren Augen etwas falsch gemacht hast, ist das schädlich und unreif. Diese passiv-aggressive Behandlung schadet jeder Art von Beziehung und führt dazu, dass du dich unter Druck gesetzt fühlst, die Situation in Ordnung zu bringen, ohne dich rechtfertigen zu können und genau zu wissen, was du falsch gemacht hast.

8. Aussagen mit denen sich über dich lustig gemacht wird

In vielen Familien macht man Scherze übereinander. Solange jeder und jede das als angenehm empfindet, ist das auch vollkommen in Ordnung. Trotzdem musst du es nicht akzeptieren, wenn deine Eltern* sich immer wieder im Alltag und vor Freunden zum Beispiel über deine Art zu reden oder dein Aussehen lustig machen. Letztendlich handelt es sich dabei um eine Herabwertung und die kann dazu führen, dass du dich mit dir selbst schlecht fühlst. Wenn Eltern* ein berechtigtes Anliegen haben, das sie mit ihrem Kind besprechen wollen, sollten sie ehrlich und konstruktiv sein, anstatt gemeine Witze zu machen.

3 Tipps, die dir helfen können mit toxischer Kommunikation umzugehen

1. Schaffe dir Raum deine Gefühle zu beobachten und rauszulassen

Es kann sehr herausfordernd sein mit den negativen Gefühlen umzugehen, die toxische Kommunikation bei deinen Eltern* in dir auslösen. 

Ein Tagebuch ist eine tolle Möglichkeit mit deinen Gefühlen in Kontakt zu kommen und zu verarbeiten, was in deinem Leben vor sich geht. 

Du kannst in diesem Tagebuch Dampf ablassen, was dir möglicherweise in deinem familiären Umfeld schwer fällt. Du kannst zum Beispiel deine Wut rauslassen, ohne dich schlecht zu fühlen oder dich um die Reaktion deiner Eltern* zu sorgen. Es ist wichtig, dass du ein Ventil für deine angestauten negativen Gefühle findest.

Außerdem hast du so die Möglichkeit deine Gefühle zu dokumentieren und herauszufinden, in welchen Situationen toxische Kommunikation auftritt. In welchen Situationen fühlst du dich schuldig, schämst du dich oder machst dir große Sorgen, wenn deine Eltern* mit dir kommunizieren? Wie reagierst du in diesen Situationen? 

So kannst du dich von dem Gesagten distanzieren. Das kann dir helfen dir selbst weniger Vorwürfe zu machen und deinen Selbstwert schützen. Wenn es sich für dich richtig anfühlt, kannst du deine Eltern* auch bitten Dinge nicht zu sagen oder anders zu formulieren. Wenn es dir zuviel wird ist es auch in Ordnung die Gesprächssituation zu verlassen.

2. Tue dir etwas Gutes

Wenn du in einem Haushalt mit deinen Sorgeberechtigten oder Eltern wohnst und das Gefühl hast, dass dir die Kommunikation zuhause schadet ist das oft eine schwierige Situation, die viele Kinder nicht einfach verlassen können. Deshalb ist es wichtig, dass du dir Zeit nimmst für Selbstfürsorge. Plane viel Zeit für Aktivitäten ein, die dir Spaß machen, wie Sport, Basteln, draußen sein und was dir sonst gut tut. Umgib dich mit Freund:innen und Familienmitgliedern, die dir Kraft geben und unternehmt schöne Dinge gemeinsam. 

3. Hol dir Unterstützung 

Vertraue dich einer lieben Person an, die dir helfen kann mit der schwierigen Situation zuhause umzugehen. Sprich mit ihr über die Gefühle, die deine Eltern* in dir auslösen und frage um Rat. Wenn eine vertrauenswürdige Person in deinem Umfeld Bescheid weiß, kann sie dich darin unterstützen, dich von toxischer Kommunikation zu distanzieren. Wenn dich die Situation mit deinen Eltern* sehr belastet, kannst du das Thema auch mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten besprechen. Eine Therapie fördert dein Selbstbewusstsein und Wohlbefinden. Außerdem kann eine weitere erwachsene Person zwischen dir und deinen Eltern* vermitteln, wenn du sie auf die toxische Kommunikation ansprichst. So kann das Gespräch in einem geschützten Rahmen stattfinden und es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass deine Eltern* dein Anliegen ernst nehmen. 

Quellen

[1] das Kommunikationsquadrat - Schulz von Thun Institut (schulz-von-thun.de)

[2] https://everydayfeminism.com/2013/08/living-with-toxic-parents/

[3] https://www.lifehack.org/350678/13-signs-toxic-parent-that-many-people-dont-realize

[4] Identifiziere toxische Eltern: 12 Schritte (mit Bildern) – wikiHow

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